Interview mit dem Bundestraininer zur EM 2002



Der Bundestrainer:
Udo Schulz (38), ehemaliger Bundesligaspieler beim TSV Hagen 1860 und TSV Bardowick absolvierte in seiner aktiven Zeit 74 A-Länderspiele mit der DTB-Auswahl, wobei er 3 Weltmeister-, 2 Europameister- und einen World Games Titel gewann. Bevor er im Jahr 2000 das Amt des Bundestrainers übernahm, war der Diplom Sportlehrer vier Jahre Trainer des B-Kaders (Junioren)

Frage: Welches Resümee ziehen Sie aus dem letzten Lehrgang in Murg?

Antwort: Der Lehrgang in Murg war hervorragend organisiert und von einer tollen Öffentlichkeitsarbeit
begleitet. Deshalb zunächst auch hier ein herzliches Danke-Schön an den VfB Murg. Sportlich hatten
wir zunächst mit vielen Absagen zu kämpfen. Neben Martin Becker konnte auch Björn Hoff
krankheitsbedingt nicht kommen. Sven Varnhorn verletzte sich direkt in der ersten Trainingseinheit
und auch Ole Hermanns konnte aufgrund einer Knieverletzung nur wenig mittrainieren.
Alle einsatzfähigen Spieler haben intensive Erfahrungen im neuen Spielsystem gemacht. Ich bin mir
des Risikos bewußt, dass viele Abwehr- und Zuspieler in der Nationalmannschaft andere Positionen
inne haben als im Verein. Der Lehrgang in Murg hat mich diesbezüglich positiv gestimmt, dass die
Mannschaft auf einem guten Weg ist. Wir haben uns insbesondere in der Ballabwehr und im Zuspiel
deutlich verbessert.

Frage: Bis zur EM sind es noch knapp 7 Wochen. Wie sieht die weitere Vorbereitung der
Mannschaft und der einzelnen Spieler aus? Gibt es noch mal ein gemeinsames Training?

Antwort: Die Spieler stehen in den nächsten Wochen beim Europa- und IFV-Pokal und den
Deutschen Meisterschaften vor wichtigen Turnieren. Anschließend kommen die Turniere in Jona und
Widnau, wo die Spieler aus dem erweiterten Kader auch im Einsatz sein werden. Vor der
Europameisterschaft absolvieren wir mit der EM-Mannschaft noch ein zweitägiges Training beim TV
Eibach Nürnberg.

Frage: Für mächtig Wirbel sorgte der Rücktritt von Martin Becker, der kurz vor dem
Nominierungslehrgang in Murg verkündet wurde. Was ist da vorgefallen?

Antwort: Martin Becker und ich haben direkt nach meiner Amtsübernahme ein ausführliches Gespräch
gehabt. Wir waren uns einig, dass wir 100% Becker auf den Faustball-Platz bringen wollen. Dazu gehörte auch
die Intensivierung des Trainings, insbesondere im physischen Bereich. Diese gemeinsame Vereinbarung
konnte Martin nicht zu meiner Zufriedenheit erfüllen. Aus diesem Grund habe ich mich zu der Entscheidung
durchgerungen, auf Martin bei der EM 2002 zu verzichten. Ich habe Martin diese Entscheidung mitgeteilt und
gleichzeitig erklärt, dass ich von ihm die Teilnahme am Lehrgang in Murg erwarte, wenn er sich weiterhin mit
der Mannschaft auf die WM 2003 vorbereiten will. Daraufhin hat mir Martin Becker, nach drei Tagen
Bedenkzeit, seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt. Ich bitte um Verständnis, dass ich keine
weiteren Absprachen mit Martin Becker hier wiedergeben möchte.

Frage: Bereits im nächsten Jahr findet die Weltmeisterschaft in Brasilien statt. Gibt es eine
Chance, dass Martin Becker dann wieder dabei ist, immerhin wäre er dann bereits 38 Jahre
alt?

Antwort: Ich habe Martin angeboten beim Hallen-Länderspiel am 4. Januar 2003 in Wollerau sein
Abschiedsspiel zu machen. Ansonsten ist die Karriere von Martin Becker in der Nationalmannschaft durch
seinen Rücktritt beendet.

Frage: Mit Martin Becker fehlt bei der EM die dominierende Figur der letzten Jahre. Wie
werden Sie bzw. die Mannschaft diese Lücke schliessen?

Antwort: Das wird die EM zeigen, ob die Lücke zu schließen sein wird. Wir werden sicherlich nicht die
dominante Angabe haben. Auf der anderen Seite werden wir uns in der Defensive, insbesondere in der
Abwehr von „halblangen“  Bällen sicher verbessern. Ich bin aber hoffnungsfroh, dass unsere relativ junge
und hungrige Mannschaft eine tolle Europameisterschaft spielen wird.

Frage: Im taktischen Bereich wurden zuletzt u.a. andere Aufstellungsformationen
einstudiert. Was können Sie uns hierzu sagen?

Antwort: Wir haben mit allen Trainern im männlichen Bereich der Nationalmannschaften ein einheitliches
Spielsystem vereinbart, welches in allen Kadern trainiert wird. Natürlich gibt es hier durch individuelle Stärken
von Spielern geringfügig unterschiedliche Aufstellungen. Wir werden die „zuspielstarken“ Abwehrspieler auf
den Außenpositionen einsetzen. Wir glauben auch, dass diese Spielertypen sich in der Antizipation des
gegnerischen Spiels schnell entwickeln und damit den großen freien Raum in der Mitte des Spielfeldes gut mit
abdecken werden.

Frage: Zum engeren Favoritenkreis bei er Europameisterschaft gehören neben Deutschland
sicher Österreich und die Schweiz. Über den Leistungsstand der Schweizer konnten Sie
sich bereits während dem Lehrgang in Murg ein Bild machen. Wie sind Sie über den
großen Rivalen Österreich informiert?

Antwort: Ich kenne die österreichischen Spieler sehr gut, da ich ja durch die Betreuung der italienischen
Mannschaft auf jeder internationalen Meisterschaft dabei war. Ganz aktuell habe ich beim TSV Hagen
Informationen vom Europa-Cup angefragt und werde mir beim IFV-Pokal persönlich ein Bild der
österreichischen Spitzenmannschaften machen.

Frage: Sie führen die DTB-Auswahl nun schon zur zweiten Europameisterschaft. Vor zwei
Jahren holten Sie als Trainer den ersten Titel. Die World Games im vergangenen Jahr
waren mit Rang drei wenig erfolgreich. Was kann die Mannschaft in diesem Jahr erreichen,
wer ist Ihr Favorit auf den EM-Titel?

Antwort: Wir sind Titelverteidiger und wollen diesen Titel auch verteidigen. Die österreichische Mannschaft
wird sicherlich durch den Erfolg bei den World Games mit mehr Selbstbewußtsein zur EM kommen. Auf einen
Favoriten möchte ich mich nicht festlegen, da der Erfolg bei einem Turnier nicht planbar ist.
 
 

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg in Erlangen.
Das Interview führte Felix Stöldt Anfang Juli mit Udo Schulz.

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